*** TEXTFARBE „WEITERE ARTIKEL“ SCHWARZ SETZEN ***

Starke Wurzeln

Starke
Wurzeln

______ Kaufmann, Waldbesitzer, Landwirt, Jäger, Honigproduzent, Hundezüchter, Verbandsvorsitzender, Weinliebhaber: Über Langeweile kann sich Clemens Freiherr von Oer auch mit 68 Jahren absolut nicht beklagen. Gemeinsam mit Frank Overkamp, dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Gronau-Ahaus, besuchen wir ihn in Legden, wo Haus Egelborg seit dem 17. Jahrhundert Stammsitz der Freiherren von Oer ist.

______ Kaufmann, Waldbesitzer, Landwirt, Jäger, Honigproduzent, Hundezüchter, Verbandsvorsitzender, Weinliebhaber: Über Langeweile kann sich Clemens Freiherr von Oer auch mit 68 Jahren absolut nicht beklagen. Gemeinsam mit Frank Overkamp, dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Gronau-Ahaus, besuchen wir ihn in Legden, wo Haus Egelborg seit dem 17. Jahrhundert Stammsitz der Freiherren von Oer ist.

Der Wald ist meine Leidenschaft und mein Leben. Er bildet aber auch die Existenzgrundlage meiner Familie, und das schon seit Jahrhunderten.

CLEMENS FREIHERR VON OER

______ Wenn man ihm so zuhört und sich dann in seinem Forst umschaut, kann man kaum glauben, dass der Zustand des deutschen Waldes Anlass zur Besorgnis gibt.

WWährend die beiden Männer gemeinsam durch die Ländereien streifen und sich über den aktuellen Zustand der Wälder und Felder unterhalten, nimmt sich Clemens von Oer immer wieder Zeit für uns und unsere neugierigen Fragen. Und natürlich geht es dann auch gleich als Erstes um das satte Grün und die Bäume rings um uns herum. Was muss man als Eigentümer leisten, um das alles hier zu bewirtschaften und zu erhalten? „Unser Betrieb besteht im Wesentlichen aus der Forst- und Landwirtschaft. Da es sich hier um einen Privatwald handelt, muss ich mich auch selbst um alles kümmern, einen Förster beschäftigen wir schon länger nicht mehr. Falls ich forstwirtschaftlichen Rat benötige, hole ich mir den einfach bei externen Experten. Im Wald und bei der Feldarbeit, notwendigen Reparaturen und der Instandhaltung der Geräte unterstützen mich zwei feste Mitarbeiter, den Rest erledigen Lohnunternehmen. In früheren Zeiten haben hier natürlich mal viel mehr Menschen gearbeitet, aber für mich als forstwirtschaftlichen Unternehmer ist Effizienzsteigerung genauso wichtig wie für jeden anderen Betrieb. Ein Beispiel: Die Gräben zur Entwässerung feuchter Böden wurden früher von vielen Schaufeln ausgehoben, heute macht das einer mit dem Minibagger.“ Unternehmerisches Denken spiele bei all seinen Entscheidungen eine wichtige Rolle, trotz der großen Liebe zur Natur. „Nicht dass wir uns vertun: Der Wald ist meine Leidenschaft und mein Leben. Er bildet aber auch die Existenzgrundlage meiner Familie, und das schon seit Jahrhunderten. Also muss ein Ertrag erzielt werden können, denn schließlich kostet die Bewirtschaftung ja auch richtig Geld. Gleichzeitig muss man dabei aber auch ein Auge für die natürlichen Vorgänge im Wald haben. Ich bin zum Beispiel sehr stolz darauf, dass in meinem Wald alle Spechtarten vorkommen.“

Viele Landschaften in Deutschland sind momentan vom Waldsterben betroffen. Ist der Klimawandel daran schuld? „Er ist auf jeden Fall einer der Gründe. Hitzejahre und Trockenperioden mit geringen Niederschlägen gab es allerdings auch früher schon und ich bin mir sicher, dass die nächste Regenperiode irgendwann folgen wird, das ist unausweichlich.“ Für Clemens von Oer wurde das aktuelle Waldsterben aber nicht nur durch zu hohe Temperaturen und zu wenig Regen ausgelöst, sondern ebenfalls durch Sturmschäden. „Da es zu wenig Niederschläge gibt, leiden die Bäume unter Wassermangel, das ist klar. Aber ohne den Jahrhundertsturm Kyrill hätte es ein Fichtensterben in diesem Ausmaß nicht gegeben. Die leergefegten Flächen haben sich ohne den Schatten der Bäume schnell erwärmt und wurden so zur perfekten Wiege für Borkenkäfer.“

Wir stehen auf einer Anbaufläche mit jungen Kiefern. Clemens von Oer begutachtet die Triebe und nickt zufrieden. Scheinbar bringen ihn Klimaschwankungen und Naturkatastrophen nicht so schnell aus der Ruhe. Liegt das vielleicht in der Familie? Schließlich haben seine Vorfahren schon die Pest, alle großen Kriege und die Spanische Grippe überlebt. Macht einen das angesichts der momentanen Krisen etwas gelassener? Der Freiherr schmunzelt amüsiert. „Ja, vielleicht. Es liegt aber vor allem daran, dass es hier nur einen ganz geringen Fichtenanteil gibt. Die Fichte als Hauptbetroffene der Borkenkäferplage ist für unsere Böden und das Klima hier eh nicht geeignet, da haben die Forstwirte, zum Beispiel im Sauerland, natürlich ganz andere, dramatische Probleme. Der Borkenkäfer bringt uns nicht in Nöte. Ich setze auf eine breite Mischung, die geeignet ist für feuchte und strenge Winter, aber auch für trockene Sommer. Auf Douglasien, die große Küstentanne, die Hemlocktanne, Roteiche und beispielsweise die Esskastanie. Das war eine bewusste Entscheidung.“ Früher lieferte seine Familie vor allem Kiefern als Grubenholz für das Ruhrgebiet. Holz wurde damals eingesetzt, weil es über eine hohe Festigkeit verfügte und durch sein Knacken und Knirschen vor Gesteinsverschiebungen und Stolleneinstürzen warnte.

Dass das aktuelle Familienoberhaupt frühzeitig auf andere Baumsorten setzte, hatte mehrere Gründe. „Ich habe beobachtet, dass die Kiefer einfach keinen ausreichenden Ertrag mehr bringt. Gleichzeitig wurden die Sommer immer wärmer, das ging ja schon 1994 los, wenn nicht sogar früher. Außerdem war der Borkenkäfer ja schon viel länger bekannt und ich ahnte schon, dass nichts Gutes auf uns zukommt. Also habe ich mich zuerst mal mit meinem Bruder im Hunsrück beraten, der hat schließlich Forstwirtschaft studiert. Danach habe ich das Wachstumsverhalten der verschiedenen infrage kommenden Baumarten getestet und sie beobachtet. Kiefer gibt’s seitdem nur noch als Beimischung bei mir.“ Gleichzeitig bringt die neue Mischung ihm mehr Ertrag, denn „wer in der Bewirtschaftung nicht nur auf eine Baumart setzt, streut das Risiko besser und hat nachhaltig mehr Erfolg. Das, was wir hier sehen, ernte schließlich nicht ich, sondern meine Nachkommen.“ Das bringt uns natürlich gleich zum Thema Nachhaltigkeit. Eigentlich kein Wunder, denn schließlich stammt der Begriff ja aus der Forstwirtschaft. Geprägt wurde er bereits im 17. Jahrhundert, als eine geplante, nachhaltige Bewirtschaftung der wertvollen Ressource Wald immer wichtiger wurde. Laut Vorschrift durfte nie mehr Holz aus dem Wald entnommen werden, als in der gleichen Zeit nachwuchs, damit dieser auch künftige Generationen immer ernähren konnte. Das ist ganz im Sinne von Clemens von Oer. „Dieser sogenannte Generationenvertrag in unserer Familie ist schon so alt, wir wissen gar nicht, wie lange es den bei uns gibt und seit wie vielen Jahrhunderten wir uns schon danach richten. Nachhaltiges Denken, weitsichtige Zukunftsplanung und Übernahme von Verantwortung sind doch die Grundprinzipien jeder Familie, oder? Auf jeden Fall bei den von Oers.“

Unglaublich,
was man an einem Tag im Wald
alles entdecken kann.

Frank Overkamp

Besuche wie der bei Clemens Freiherr von Oer und der persönliche Kontakt zu den Menschen in seiner Region sind Frank Overkamp wichtig. „Die Menschen hier haben starke Wurzeln, genau wie unsere Bank. Das verbindet nicht nur, sondern dadurch sehe ich mich auch gleichzeitig in der Pflicht. Deswegen suche ich immer wieder den Dialog, schaue mich vor Ort um und höre gut zu. So lernt man ständig etwas dazu und sieht die Dinge nicht nur aus der Schreibtischperspektive.“

Vorstandsvorsitzender der Volksbank Gronau-Ahaus eG

1.
2.
  1. Clemens Freiherr von Oer
    inmitten junger Kiefern. Auch die Zu­kunft seines Waldes  beginnt mit der Verjüngung, dem Grundstein für einen  stabilen und starken Wald,  der auch zukünftigen Klima- und Umweltbedingungen  gewachsen ist.
  2. Kritische Prüfung einer Jungkiefer. Vorne im Bild der berühmte grüne Daumen, an dem man die von Oers schon immer gut erkennen konnte.

Was ich sehe,
ernte ich nicht.

CLEMENS FREIHERR VON OER

Das Immunsystem der Bäume ist gefährdet. Durch Wassermangel und Hitze gestresste Fichten können nicht mehr genügend Harz produzieren, um die Poren in ihrer Rinde zum Schutz gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer zu verkleben. Damit ist ihr Immunsystem zerstört. Die Eindringlinge können sich nun durch die Rinde bohren und dahinter sogenannte Rammelkammern bauen, die den zentralen Teil ihres Brutsystems bilden. Schon während die Käfer die Rinde durchlöchern und ihre Eier ablegen, zerstören sie damit die Versorgungsleitbahnen der Bäume. Dass ein Baum von Borkenkäfern befallen ist, erkennt man oft am braunen Bohrmehl am Fuß seines Stammes. Ist das Wetter besonders heiß und trocken, vermehren sich die Schädlinge explosionsartig, wobei ein Käferweibchen über nur drei Generationen bis zu 100.000 Nachkommen haben kann.

1.
1.

1. Ein Borkenkäfer wird 1 – 6 mm groß. 2. Für die Brut bohren
sich viele Borkenkäfer-Arten durch die Baumrinde.
3. In der Rammelkammer legen sie ihre Eier ab. Die Käfer
zerstören dabei die Leitungen im Bast, durch die Wasser und
Nährstoffe transportiert werden.

Wir steigen in unsere Autos und fahren über enge Straßen und holprige Wege rüber zum Werschehof, wo Clemens von Oer vor dem Umzug nach Haus Egelborg 23 Jahre mit seiner Familie gelebt hat. Ein wunderschönes Anwesen mit blauen Fensterläden, umgeben von alten Bäumen und weiten Feldern. In der Ferne brummt ein Traktor. „Landwirtschaft ist etwas komplett anderes als die Forstwirtschaft, zum Beispiel wird hier ja jährlich geerntet. Als Landwirt, der sein Anwesen konventionell bewirtschaftet, bekommt man allerdings heute von der Politik und den Ministerien ständig neue Steine in den Weg gelegt.“ Er baut unter anderem Winter- und Sommergetreide an und vermehrt Grassamen von Ackergräsern zur Produktion von Viehfutter. „Dabei habe ich einen bekannt hohen Qualitätsanspruch an unser Brot- und Futtergetreide. Schließlich steht da mein Name drauf.“ In den meisten Industrien können Unternehmer die Produktion und die betrieblichen Prozesse effizienter machen, beschleunigen, optimieren. Funktioniert das auch in der Landwirtschaft? „Ich beschäftige mich ständig mit diesen Themen, zum Beispiel mit Neuzüchtungen bei Feldfrüchten oder dem Anbau mit weniger Pflanzenschutzmitteln. Ich teste längere oder veränderte Fruchtfolgen und experimentiere auch immer wieder mit neuen Früchten, die mehr Ertrag und Erfolg versprechen.“ Wenige Schritte von uns entfernt stehen seine Bienenstöcke, in denen es brummt und surrt. Frank Overkamp und wir dürfen natürlich probieren, was die fleißigen Bienen hier gesammelt haben. Der Hobbyimker Clemens von Oer ist zu Recht stolz auf seinen kaltgeschleuderten Honig, denn der schmeckt absolut köstlich. Wie denkt er als Honigprofi eigentlich über Glyphosat?

3.

„Als Imker sehr entspannt, als Landwirt, der glyphosathaltige Herbizide streng kontrolliert einsetzt, regt mich die Sache schon auf. Glyphosat wirkt schließlich nur auf die grünen Pflanzenteile und nicht auf Mensch, Tier oder Biene. Die Biene interessiert sich nicht für das Grün, sondern für Pollen, Wasser und Nektar der ausgewachsenen Nutzpflanze, sie kommt also gar nicht mit dem Glyphosat in Kontakt. Ich hatte hier bislang null Ausfälle bei meinen Bienenvölkern, muss allerdings sagen, dass ich mich beim Aussprühen auch genau an die zugelassenen Mengen halte.“ Aber wäre es ganz ohne Herbizide nicht besser für die Umwelt? „Dann müsste ich vor dem Ausbringen der nächsten Aussaat drei- bis viermal mit dem Traktor über alle Äcker fahren, um das Unkraut nach und nach mechanisch zu entfernen. Das kostet Diesel, dazu das vorgeschriebene AdBlue und verursacht insgesamt einen dreimal höheren CO2-Ausstoß als die chemische Unkrautbeseitigung. Dazu kommt, dass die Erfolgsraten bei der mechanischen Beseitigung wesentlich geringer sind und jeder mechanische Eingriff in den Boden zu Humusabbau und Erosion führt.“

4.
5.

Das Maß muss stimmen, denn Umweltschutz spielt auch in der konventionellen Landwirtschaft eine wichtige Rolle.

CLEMENS VON OER

Wir holen Chiva ab, seine treue Hündin. Sie entstammt der Pudelpointerzucht von Clemens von Oer und ist ein idealer Jagdhund, wie der passionierte Waidmann stolz erzählt. Die beiden führen uns zu einer versteckten Lichtung dicht am Waldrand. „Hier findet man mich oft, wenn ich einfach mal zur Ruhe kommen und für mich sein will. Dieser Ort war auch schon der Lieblingsplatz meiner Vorfahren. Meistens nehme ich nicht mal ein Gewehr mit.“ Natürlich schieße er auch, aber nur zur Eigenversorgung mit Lebensmitteln oder zum Forstschutz. „Einige Wildarten muss man begrenzen, sonst nehmen sie überhand und fressen die Baumschösslinge. Und wo es nicht zu viele Rehe gibt, braucht man auch weniger Zäune.“ Kaum hat sich Clemens von Oer von Frank Overkamp und uns verabschiedet, sind Mann und Hund schon gemeinsam im Wald hinter der Lichtung verschwunden. Einem schönen Wald, den dank Clemens von Oer auch kommende Generationen noch lange genießen werden können.

  1. Starke Wurzeln verbinden: Frank Overkamp und Clemens Freiherr von Oer im intensiven Dialog.
  2. Bernd Schulze König leitet seit vielen Jahren den landwirtschaftlichen Betrieb der von Oers. Das Grün der Heimat ist sein Zuhause und er kennt das Land und dessen Böden wie kein Zweiter.
  3. Chivas fragender Blick bedeutet wahrscheinlich: „Wann haut der Fotograf endlich ab, damit wir zusammen nach den Hasen schauen können?”

Das wunderschöne Wasserschloss Haus Egelborg bei Legden wurde 1389 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es liegt inmitten einer weitläufigen Waldlandschaft am kleinen Flüsschen Dinkel. Im 17. Jahrhundert ging das historische Anwesen von den Herren von Billerbeck durch Heirat in den Besitz der Familie von Oer über, die heute noch dort wohnt und es bewirtschaftet. Ein Spaziergang rund um das idyllische Egelborg lohnt sich zu jeder Jahreszeit, auch wenn das Haus selbst und sein Innenhof nicht besichtigt werden können.

Der Name der Freiherren von Oer wird vielen Westfalen durch den Ort Oer-Erkenschwick bekannt vorkommen, wo die Villifikation Oer einst Ursprung der Familie von Oer war. Wer sich näher für die Geschichte der Familie interessiert, findet weitere Infos unter: