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Perspektiv
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Bewusster fühlen, besser entscheiden
______ Prof. Dr. Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin, Autorin und eine der bekanntesten Stimmen für einen konstruktiven Blick auf unsere Gegenwart. In ihren Vorträgen und Veröffentlichungen zeigt sie, warum es uns weiterbringt, nicht nur darauf zu schauen, wogegen wir sind, sondern bewusst zu entscheiden, wofür wir stehen wollen – eine Haltung, die Orientierung und Zuversicht stärken kann.
5 Fragen an
Prof. Dr. Maren Urner
Für diese Ausgabe von Die Bank. haben wir sie in Münster getroffen. Uns interessiert: Wie ist die Sicht einer Neurowissenschaftlerin darauf, wie Menschen den Mut finden, ihre Ideen umzusetzen, und dadurch Veränderungen anstoßen – und warum genau solche Impulse eine Gemeinschaft stark machen.
Prof. Dr. Maren Urner
- Neurowissenschaftlerin, Professorin und Autorin mehrerer Bestseller, u. a. „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ (2019), „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ (2021), „Radikal emotional: Wie Gefühle Politik machen“ (2024)
- Mitbegründerin von Perspective Daily, einem werbefreien Online-Magazin für konstruktiven Journalismus
- Seit 2024 Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster
Frau Dr. Urner, Sie betonen, dass es uns hilft, nicht nur zu sehen, wogegen wir sind, sondern bewusst zu entscheiden, wofür wir stehen. Wie kann diese Haltung Menschen unterstützen, handlungsfähig zu bleiben?
Prof. Dr. Urner: Wir sind ständig auf der Suche nach Selbstwirksamkeit. Genau die spüren wir, wenn wir uns „für“ statt „gegen“ etwas einsetzen. Unser körpereigenes Belohnungssystem ist vor allem dann aktiv, wenn wir – am besten mit anderen Menschen – etwas tun, das eine Bedeutung hat und sich sinnvoll anfühlt. Gleichzeitig trainiert ein „Wofür“ unsere Superkraft, die uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet: unsere Vorstellungskraft. Wir können uns etwas vorstellen, das es noch nicht gibt, wir aber für erstrebenswert halten, und uns dann dafür einsetzen. Nur so sind gesellschaftliche Entwicklungen und Innovation möglich.
Welche Rolle spielt die Verbindung zu anderen Menschen für die eigene Handlungsfähigkeit – und wie können Gemeinschaften diese Dynamik fördern?
Prof. Dr. Urner: Wir sind soziale Wesen. Unsere Spezies zeichnet sich nicht durch irgendwelche herausragenden körperlichen Fähigkeiten aus, sondern durch unsere Fähigkeit zu kollaborieren. Über die Evolutionsgeschichte haben wir Muskelmasse ab- und Gehirnmasse aufgebaut. Die wird vor allem dafür benutzt, komplexe soziale Strukturen zu entwickeln und zu pflegen. Das Problem: Häufig vergessen wir das im Alltag und gehen davon aus, dass wir lieber allein sein wollen. Zahlreiche Studienergebnisse zeigen uns: Wir wissen häufig nicht, dass und wie gut uns sozialer Austausch tut. Vor allem die kleinen Begegnungen geben uns Kraft und einen kleinen „Boost“.
„Sämtliche zivilgesellschaftliche Errungenschaften sind immer durch Gruppen von Menschen entstanden, die sich gemeinsam dem Status quo widersetzt und ein neues „Wofür“ definiert haben.“
Prof. Dr. Urner
In Zeiten von Dauerbelastung und einer Überzahl an negativen Botschaften fällt es vielen Menschen schwer, positiv und konstruktiv zu bleiben. Haben Sie Tipps, wie das gelingen kann?
Prof. Dr. Urner: Das Wichtigste ist, sich bewusst zu überlegen, welche Medien und Informationen wir uns und unserem Gehirn „zuführen“ wollen. Es ist ein wenig wie mit der Ernährung, bei der wir uns gesund und nährstoffreich oder mit Junk-Food versorgen können. Auch die Herausforderung, dass ungesunde Snacks und Informationshappen in unserer „modernen“ Welt immer und überall verfügbar sind, ist vergleichbar. Die Herausforderungen sind also ähnlich und es geht um eine gute Ernährungs- und Medienhygiene. Dabei geht es viel um Gewohnheiten, die wir ändern und antrainieren können.
Welche Rolle spielen dabei unsere Gefühle und wie
können Menschen lernen, sie so zu nutzen, dass sie handlungsfähiger und verantwortungsbewusster werden?
Prof. Dr. Urner: Gefühle sind grundlegend für jede menschliche Entscheidung: Wir können nur unter- und entscheiden, weil wir Emotionen haben, die uns vermitteln, was uns wichtig und lieb ist. Nur so können wir zwischen verschiedenen Handlungsoptionen wählen. Menschen, bei denen die Verarbeitung von Emotionen gestört ist, sind handlungsunfähig, weil sie eben diese Unterscheidungen nicht mehr treffen können. Ein bewusster Umgang mit den eigenen Gefühlen – ich nenne das gern „emotionale Reife“ – kann uns also helfen, bessere und gar freiere Entscheidungen zu treffen. Etwa, weil wir nicht aus einem Reflex, spontanen Impuls oder im Affekt handeln, sondern gut überlegt und emotional aufgeräumt.
Wie kann die Haltung der
„aktiven Hoffnung“ gestärkt werden, damit Menschen ihre Ideen umsetzen und Gemeinschaften bereichern?
Prof. Dr. Urner: Indem wir die Erfolgsgeschichten von Menschen erzählen, die selbst etwas bewegt und sich auf den Weg gemacht haben. Leider handeln die meisten klassischen Heldengeschichten von einem Mann, der in einem schwarzen, großen Auto die Welt rettet – in aller Kürze zumindest. Dabei sind sämtliche zivilgesellschaftliche Errungenschaften immer durch Gruppen von Menschen entstanden, die sich gemeinsam dem Status quo widersetzt und ein neues „Wofür“ definiert haben. Genau diese Geschichten gehören nach Hollywood, in die Schulen, Parlamente und Unternehmen.