Mode mit Charakter
______ Wer sich heute in die Mode wagt, schwimmt gegen den Strom. Das gilt besonders für ein Label, das nicht auf Masse setzt. Während Fast-Fashion-Giganten täglich tausende neue Stücke in den Markt drücken, entwirft Emma mit Ruhe und viel Liebe zum Detail.
Ihre Motivation ist nicht die Suche nach Glamour, sondern das Schaffen von Mode, die Bestand hat und die für etwas steht.
Kleidungsstücke, die funktional sind, die schützen, die
Charakter zeigen. Damit positioniert sie sich bewusst gegen eine Industrie,
die immer schneller und austauschbarer wird.
Schon ein kurzer Blick auf die globale Modewelt genügt, um die Dimension zu begreifen: Plattformen wie Temu oder Shein bringen täglich tausende neue Teile in den Umlauf, oft binnen Stunden kopiert, billig produziert und in die ganze Welt geschickt. Allein bei Jacken können es bis zu hundert neue Designs am Tag sein. Wer sich in dieser Flut behaupten will, muss mehr bieten als schnelle Trends. Und genau hier setzt Emma Münstermann an. Sie hat sich in dieser knallharten Branche nicht nur für Mode entschieden, sondern dazu noch für eine Nische, die besonderes technisches Können, Geduld und Charakter verlangt: die Jacke. „Jacken sind einfach wahnsinnig spannend“, sagt sie gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Da steckt alles drin: Schnitt, Stoff, Futter, Knöpfe, Reißverschlüsse, tausend Varianten. Es ist viel komplexer als ein T-Shirt. Und genau das reizt mich.“
Mut statt Masse
Wer ihre Website AEMMI (www.ae-mmi.de) besucht, sieht coole, klare Bilder, die fast wie aus einem internationalen Lookbook wirken. In New York entstanden, mit minimalem Budget und maximaler Improvisation, wirken die Fotos wie das Statement einer großen Marke. Doch im Gespräch zeigt sich eine andere Seite: keine distanzierte Designerin, sondern eine sympathische, zugängliche Gründerin, die ihren Weg selbstbestimmt geht.
„Mir geht es darum,
dass meine Jacken nicht nur gut aussehen, sondern auch bleiben. Sie sollen Teil einer Garderobe werden, nicht Teil des Wegwerfproblems.”
Emma Münstermann
Von Heek nach Manhattan: Emma Münstermann und der Mut, Jacken neu zu denken.
Nachhaltig schön: die AEMMI Pufferjacke. Futter aus 100 % zertifiziert recyceltem Polyester, Füllung aus 100 % recycelten Kunstdaunen, gerippter Oberstoff für eine markante Textur.
Emma Münstermann
Emmas Lebenslauf wirkt auf den ersten Blick gradlinig – mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen, Ausbildung in Essen zur bekleidungstechnischen Assistentin mit Schwerpunkt Schneiderei. Nach dem frühen Einstieg in das Handwerk studierte sie an der Hochschule Niederrhein Designingenieurwesen Mode. Der Studiengang verband Modedesign und Bekleidungstechnik zu gleichen Teilen und vermittelte ihr ein tiefes Verständnis für den gesamten Entwicklungsprozess – vom Rohstoff bis hin zum fertigen Produkt. Es folgten Praktika bei Marc O’Polo und Escada, Stationen in Hamburg und Münster. Aber entscheidend ist, was hinter diesen Stationen stand: Neugier, die Suche nach dem richtigen Platz, und die Frage, wie weit sie ihre Leidenschaft für Mode tragen kann.
Bei Marc O’Polo lernte sie die Logik des Kommerziellen kennen, bei Escada die Detailversessenheit der Luxusmode. „Beides hat mich geprägt“, sagt sie. „Die Effizienz des einen und die Finesse des anderen.“ In Hamburg schließlich erlebte sie, was es heißt, Verantwortung zu tragen: „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Aber genau das hat mir gezeigt, wie viel in einem einzigen Teil steckt. Das Unternehmen dort war auf die Entwicklung von Jacken spezialisiert, seitdem fasziniert mich dieses Thema ganz besonders.“
Es ist diese Mischung, die erklärt, warum sie nicht aufgegeben hat. Jeder Schritt war eine Antwort auf die Frage: Wie kann ich erfolgreich Mode machen, die meine Handschrift trägt?
Ihre Haltung ist klar: kein Greenwashing, keine falschen Versprechen. Das bedeutet:
recycelte Materialien, wo es möglich ist, langlebige Stoffe, die mehr als eine Saison überstehen, und der Anspruch, in Zukunft noch stärker auf nachhaltige Produktion zu setzen.
Während andere auf Masse setzen, zeigt Emma Münstermann klare Kante und baut ihr Label mit persönlichem Style und konsequenter Handschrift auf. Man verlässt das Gespräch mit dem Gefühl, dass sie nicht nur ihren Platz gefunden hat, sondern auch die Kraft besitzt, ihn dauerhaft zu behaupten.
„Natürlich ist es schwer, gesehen zu werden“, sagt sie. „Man muss investieren, sichtbar sein, Social Media bespielen. Aber am Ende zählt für mich das Produkt. Eine Jacke soll bleiben, nicht nach einer Saison verschwinden.“
Ehrliche Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit ist für viele Labels ein Marketingwort. Bei AEMMI ist sie ein Weg. „Ich will Schritt für Schritt nachhaltiger werden – in der Produktion, bei Materialien und Lieferketten. Aber kleine Stückzahlen bedeuten leider auch immer schlechte Konditionen. Da muss man ehrlich bleiben.“
Anfangs dachte Emma darüber nach, in Europa zu produzieren. Ihre Erfahrungen waren jedoch ernüchternd. Schließlich fand sie Partner in China, die sie ernst nahmen – auch als kleines Label. „Während der ersten Kollektion war ich bei meinem Lieferanten vor Ort in China und habe das Team dort persönlich kennengelernt. Unter anderem wollte ich die Produktion und den Recyclingprozess selbst sehen und mich von einer ‚guten‘ Produktion selbst überzeugen, denn oft weiß man schließlich nicht, was am anderen Ende der Welt wirklich passiert! Aber: Alles war super und hat mich wirklich überzeugt.“
Für Emma ist ihre Entscheidung deshalb weniger eine Frage von Ideologie als von Verlässlichkeit und Professionalität. „Ich schließe nicht aus, dass ich irgendwann auch in Europa produziere. Aber im Moment habe ich in China sehr gute Partner, die auch bei kleinen Aufträgen super flexibel sind und mir dadurch ermöglichen, mein Label weiter aufzubauen.“
Selbst ist die Frau
Dass Emma Münstermann ihren Weg geht, ist alles andere als selbstverständlich. Sie hat kein großes Polster, keine festen Strukturen, die sie tragen. Stattdessen arbeitet sie mit Disziplin und Mut. Ihre erste Kollektion entwickelte sie noch parallel zu ihrem Job, baute nebenbei einen Online-Shop auf, organisierte Shootings, verschickte Pakete – oft mit Unterstützung ihrer Eltern. Schritt für Schritt wuchs das Projekt, bis sie sich schließlich ganz für AEMMI entschied und den Sprung in die Vollzeitselbstständigkeit wagte. „Man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt sie. Und man glaubt es ihr sofort. Was bei anderen nach PR klingt, wirkt bei ihr authentisch. Vielleicht, weil sie nicht vorgibt, alles im Griff zu haben, sondern die Mühen offen benennt: Marketingkosten, Retouren, die Suche nach Sichtbarkeit. Und trotzdem macht sie weiter, Schritt für Schritt. In einer Branche, in der viele Labels nach kurzer Zeit verschwinden, ist schon das ein Statement. AEMMI ist noch jung, doch ihr Ansatz zeigt, dass es eine Alternative zur Beliebigkeit geben kann: Mode mit Charakter, getragen von einer Gründerin, die Verantwortung übernimmt.
„Nachhaltigkeit ist komplex. Aber man darf sich nicht von der Größe der Aufgabe lähmen lassen.“
Emma Münstermann
Wo sieht die junge Unternehmerin ihre Marke Aemmi in zehn Jahren? „Als Marke, die gewachsen ist, nachhaltiger arbeitet und auch stationär präsent ist. Kunst ist ebenfalls ein fester Bestandteil von AEMMI und soll künftig noch stärker ausgebaut werden. Dafür arbeite ich mit unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern an kreativen ‚Waste to Art‘-Projekten, bei denen Produktionsreste zu eigenständiger Textilkunst weiterverarbeitet werden. Mir geht es darum, zu zeigen, dass Mode mehr sein kann als Kleidung – dass sie Geschichten erzählt.“
„Eine Jacke soll bleiben,
nicht nach einer Saison
verschwinden”.
Emma Münstermann
„Eine Jacke soll bleiben,
nicht nach einer Saison
verschwinden”.
Emma Münstermann